Malte Wienebüttel

etextera

(vorerst ungeordnet)

 

Enteignung

September 2011


Die leichthin spielerisch plündernd vollführte Aneignung eigener Objekte oder Bildbausteine für eigene weitere Werke entfremdet diese Dinge dem bestehenden Zusammenhang ihres ausgehenden Werkes und löst sie von ihren ex- oder impliziten ästhetischen Voraussetzungen. Indem sie nach Art der Collage oder Assemblage, den eingespieltesten Formen der Kunst, neu & an anderem Ort zusammengesetzt werden, gehen sie ihres eigens gegebenen Sinns verlustig oder er verändert sich. Die einzelnen Stücke werden isoliert von ihrer Entstehungsgeschichte und den damit verflochtenen ursprünglichen Intentionen interpretiert.

Die zerstückelnde Wahrnehmung des ausgehenden Werks als Ganzem begeht Verrat an seinen Intentionen und ist zugleich Voraussetzung für das covern des Eigenen. Dies geschieht in einem einheitlichen Akt, in dem Granularisierung, Übernahme und Verwandlung nicht mehr unterscheidbar sind.

Der Diebstahl des Eigenen entleert das ausgehende Werk seiner Eigentümlichkeit. Dieses und die neuen Werke werden zu potemkinschen Dörfern, Fassaden vor einer Leere, der selbst die grillen, phantasien und spintisiererei (Göthe) entfliehn, nichts ist ihnen eigentlich gegeben, als der Schatten, den sie warfen, eh sie zum Steinbruch für weitere Aneignungen werden.

Die Aneignung des Eigenen ist Enteignung. Das eigentliche Element der Werke entleert sich in der Aneignung des Enteigneten, hinter dem im Kern niemand mehr steht und die ästhetische Verantwortung dafür trägt. Der sich selbst bestehlende Dieb stiehlt sich selbst. Ist plagiarius, Menschenräuber seiner selbst. Plagiator seines Selbst, sein Schatten ist der Schatten, den niemand wirft.

Dessen ungeachtet mögen solche Werke sehenswert und Erkenntnis fördernd sein…. als Kunstwerke zu Geltung kommen. Nistplätze für Lemuren jedweder beliebigen, fremden Fantasie.

 

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Die Eier des Teufels

(les couilles du diable)

August 2011

Die Schale eines ausgelöffelten Frühstückseies solle man, so belehrte mich meine Tante Gertrud lachend, sofort mit dem Löffel durchstoßen, damit der Teufel seine Eier dort nicht hinein legt. Sie sagte das, wenig später nachdem sie mich herein-gelegt hatte. Beim Sonntagsfrühstück neben mir sitzend, hatte sie ihr Ei geleert und von mir unbemerkt die Schale im Eierbecher umgedreht und mir mit strahlend großzügigem Blick hingeschoben. Mit dem fröhlichen Schlag des auf die unerwartete Gabe eines zweiten Eies niedersausenden Eierlöffels bei diesem wegen des Besuch der geliebten Verwandten, der Schwester meiner Mutter, besonderen Familienfrühstücks, mit dem hohl knirschenden Geräusch, das es von sich gab, war meine dankbare Begeisterung abrupt vernichtet. Meine Reaktion darauf verschwindet im dichten Nebel der Scham meiner kindlichen Erinnerung.

Eine Aufklärung über volksbräuchliche Sitten im Umgang mit geleerten Hühnereiern war ich jedenfalls in dieser Situation nicht in der Lage zu erfragen. Etwa, warum es nicht Sitte war, den lieben Schwager, in diesem Fall also meinen Vater, zu foppen? Oder die Frage, welche Art Teufel meine Tante wohl geritten hatte, mir seine Eier in ihrem Frühstücksei zu verehren? Und die Eier des Teufels, wie konnte ich mir die vorstellen? Zu ihm, dem bocksfüßigen und beschwanzten Wüstling, ritten scharenweise auf struppigen Besen hässliche Hexen. Gab es einen Zusammenhang mit der 'Bocksbeutel’ genannten Flaschenform, in die der von meinem Vater geschätzte Frankenwein abgefüllt war, bei deren Nennung meine Mutter regelmäßig, für mich unverständlich, sich unterdrückt belustigte? Mir kam auch nicht in den Sinn, dass der Teufel zwar kein Legehenne ist, aber immerhin in der biblischen Gestalt der ebenfalls Eier legenden Schlange über die Saurier ein Verwandter der Hühner sein mochte. War er vielleicht der von uns Kindern gefürchtete, gefährliche Rotheländer Hahn? Das wilde Staub-und-Federn-Spektakel der Gewalt in unserem Hühnerhof, das gackernde Auseinanderstieben der Hennen, der aufgewirbelte, scharfe Ammoniakgeruch sprachen dafür, wenn er mit strammrotem Kamm, schlingerndem Halsgehänge und spektakulär schwankenden Schwanzgefieder über seine Lieblingshenne Gackelaia herfiel.

Das kleine Handbeil meiner Mutter, das ich heute, gut sechzig Jahre später, zum Kleinholzspalten benutze, saust irgendwann nieder, ich weiß es nicht, ob vor oder nach dem Frühstück mit Besuch, trennt den Körper vom Kopf Gackelaias eben dort, wo der Hahn während seiner vielen, wüsten Trittattacken ihren Hals bis auf die geschundene, blassrosa Hühnerhaut entblößt hatte, Zeichen seines zügellosen, gewaltsamen Begehrens, Ziel des erlösenden Axthiebes, die Schnittlinie zwischen Legehenne und Suppenhuhn. In einer steilen Aufwärtsgeraden flattert ihr weiß gefiederter Körper den wahrscheinlich längsten Flug ihres da schon gestückten Lebens zum weitest möglich vom Hauklotz entfernten Punkt diagonal über den drahtvergitterten Hühnerhof, den Boden des Geheges mit einer korrespondierenden Linie roter Tropfen im Takt des Flügelschlags tüpfelnd, einäugig beobachtet vom nach Hühnerart mit einem letzten Ruck in Blickrichtung gebrachten Kopf. Die Echsenklauen verkrallen sich im Maschendraht.


aus: Malte Wienebüttel: „Kindheit in den 50ern“ ..... unveröffentlicht

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Kunstkomplott
3/2011

von der terroristischen zur Konspiration der Dinge

 

appropriation akt  Wir eignen uns die Argumentation Julien Assanges an, die er in seinem so genannten „Manifesto“ (3/12/2006) entwickelt.

  1. http://213.251.145.96/ 
  2. www.wikileaks.org

Zitat
Pre and post 9/11 the Maryland Procurement Office (National Security Agency light cover for academic funding, google for grant code “MDA904”) and others have funded mathematicians to look at terrorist conspiracies as connected graphs (no mathematical background is needed to follow this article). We extend this understanding of terrorist organizations and turn it on the likes of its creators where it becomes a knife to dissect the power conspiracies used to maintain authoritarian government.

conspiracy of pieces

 

In der Mathematik veranschaulicht ein connected graph in abstrakter, modellhafter Form  eine Gruppe von Objekten (Entitäten), von denen einige untereinander durch links verbunden sind. Diese Objekte werden vertices genannt. Links, die Paare mit einander verbinden, werden edges genannt.  Connected graphs zeigen eine Gruppe von Punkten (oder Knoten)  - für die vertices  - verbunden durch Linien (oder Kurven) - für die edges.
Graphen gehören zu den Studiengegenständen der diskreten Mathematik (discrete mathematics).

 Nagelbrett
Man nehme, schreibt Assange, ein paar Nägel („Verschwörer“) und schlage sie wahllos in ein Brett. Man nehme einen Faden („Kommunikation“) und schlinge ihn ohne Unterbrechung von Nagel zu Nagel. Man bezeichne den Faden, der zwei Nägel verbindet, als link. Durchlaufende Fäden bedeuten, dass ein Kommunikationsfluss über die Fäden und die dazwischen liegenden Nägel von einem Nagel zum anderen möglich ist.

Die Analogie zeigt: Information fließt von Verschwörer zu Verschwörer.  Nicht jeder Verschwörer traut jedem oder kennt alle anderen Beteiligten, obwohl alle miteinander verbunden sind. Einige sind in der Randzone des Geflechts und kommunizieren mit wenigen, andere sind in dessen Mitte und kommunizieren mit vielen. Einige kennen etwa nur zwei andere, können aber eine Brücke zwischen wichtigen Teilen oder Gruppen der Verschwörung sein. Die „Wichtigkeit“ einer Botschaft, die durch eine Verbindung läuft, kann man a priori nur schwer ermitteln, da ihr wahrer Wert vom Ergebnis der Verschwörung abhängt.

 Autoritäre Macht des Materiellen 
Wir gehen ein Schritt weiter und übertragen Assanges Verständnis von Struktur und Funktionsweise terroristischer Organisationen als benagelte Bretter bzw. connected graphs, Abstraktionsmodelle für Netzwerke, Beziehungsgeflechte, Seilschaften, Komplotte, in die Sphäre des Materiellen und der Kunst. Wir benutzen es als Skalpell, das die Konspiration und das Handeln der Dinge selbst, das ihnen ihre Macht sichert, bloß legt. Der Sachen Objekte Werkstücke pieces, dem Zeugs. Sezieren und obduzieren, um zu verstehen. Das Modell des connected graph lässt uns die konspirativen Prozesse der autoritären Dinge begreifen.

 Terroristischer Atem 
Bedenken wir: das Modell des Nagelbretts suggeriert die Stabilität der Mitspieler. Im Reich der Dinge gibt es aber keine gesicherten Zustände. Keine Ruhe, keinen Stillstand,; conspirare, lat. heißt ’im Einklang stehen (sic!), zusammen wirken’, vgl. lat. spirare ’wehen hauchen atmen leben’; transitorial vertices; Werke, pieces in the state of flux, sie sind Entitäten auf Zeit. Assanges Nagelbrett zeigt nicht den Kampf der Dinge untereinander, ihre gegenseitigen Angriffe, ihre Metamorphosen, ihren Kannibalismus. Sie zerstören zerreißen zerstückeln zerwirken und verweben sich, hauchen Leben ein und hauchen aus und verformen und deformieren sich zu gegenseitigen Lasten und auf Kosten für  einen unkalkulierbaren, eigenen Nutzen, ungesicherte Sinnverdichtung und Sinnvernichtung. Sachen gehen tätlich gegeneinander vor, schaffen tätlich Tatsachen. Sie stechen gestandene Verschwörer ab, drücken neues Zeugs -  „Fundstücke“ - rein. Sie verbinden sich, fügen und sortieren sich neu, verwischen und vermischen, begrenzen und entgrenzen sich, oszillieren und vibrieren, kopulieren und koagulieren, fallen auseinander und über sich selbst her und wieder zusammen; unhaltbare Zustände; Treibende und Getriebene; Kunstkomplotte als assemblées du terreur ....

 

Im Reich der Dinge
geht es zu wie im wirklichen Leben. Das Modell  des connected graph veranschaulicht die Methodik der Bayes’schen Netze (siehe unten*) und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie ermöglicht es unter der Bedingung der Unsicherheit zu Erkenntnissen zu kommen. Im terroristischen Atem der autoritären Dinge verwischen verrauschen durch unbekannte zufällige Einflüsse die eigentlich zu klärenden Zusammenhänge. Vor aller mathematischen Berechenbarkeit bietet das Modell Einblick in die Kunst des Vermutens, eine intuitiv verständliche Veranschaulichung der konspirativen Zusammenhänge, erlaubt die Vorstellung rein subjektiver Wahrscheinlichkeiten und kann damit wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und berücksichtigen.

 Conspiracy to (commit) Art 
Das Modell des connected graph bzw. der Bayesschen Netze lässt uns die Position des Künstlers im Atemraum der Dinge vermuten. Seine Stellung innerhalb des Komplotts und im Bezug zu ihm. Ist er ein Nagel im Brett, ist er der Hammer, der  Nägel einschlägt? Ist er Mitverschwörer, Handlanger, Instrument? Ist er Seziertisch, Regen-schirm Nähmaschine? Ist er drittselbst alles zugleich? Mit ihm tanzen einige Verschwörer inniger als andere, das ist sicher. Im Rausch mischt er sich unter die Dinge, verschmilzt mit ihnen. Schamane, nee, nee, jaja. Er lässt das Unglaubliche Wirklichkeit werden (Hrabal), er sieht die Zeichen der Dinge, ist Zeichner, mhd. zeichenaere, einer, der Zeichen und Wunder tut, istZeichenlehrer.
Die Dinge denken sich in mir, sagt Cezanne.

Veröffentlichung ist Verrat 
Der Künstler sieht das Komplott, er denkt es, aber er begreift es nicht, und zeigt es. Seine Veröffentlichung ist Bloßstellung und Verrat. Das Unsichtbare wird sichtbar für andere. Er lehrt Begriff los Sehen. Das verlangsamt den Takt des Atems des Terrors der Dinge. Fremdblick ist Gefahr. Kuratorische Versorgung lähmt es und ist das Vorspiel zur  Entsorgung. Der Gang auf den Markt Totschlag. Musealisierung bringt es zur Strecke, balsamiert es ein und verzurrt die Dinge in Bedeutungen, die ihre Unruhe vernichten. Dingfest gemachte Dinge, auf- und ausgestellt, aus- und ab- und zu- und hinrichtet, in Rahmen gesperrt, aseptisch in Vitrinen verschlossen, in Haft genommen, den schamlosen Blicken der Welt ausgeliefert. Wir befinden uns in der indiskreten Realität der Menschen. Die lieben den Verrat, nicht den Verräter.

Ah, quelle soulagement,
sagte der belästigte Meister Cezanne, nachdem er einen fahren ließ, womit er, erzählt die Anekdote, einen ungerufenen Eindringling in seinen und den Atemraum seiner Dinge erfolgreich verscheuchte.

 Submission NOTE: At the moment  we are not accepting new submissions due to re-engineering improvements the site to make it both more secure and more user-friendly. Since we are not currently accepting submissions by art historeans, curators or gallerists during the re-engineering, we have also temporarily closed our online chat support for how to make a submission. We anticipate reopening the electronic drop box and live chat support ammediately after closing the exhibition „conspiracy of pieces“ inclosed galerie imaginaire at Galerie Verein Berliner Künstler, Berlin.

*) Die Kunst des Vermutens

http://user.cs.tu-berlin.de/~rammelt/probnet/index.html
Bayes'sche Netze sind eine Methodik zum Schließen unter Unsicherheit. Bei praktisch allen Real-Life-Problemen spielen unbekannte und zufällige Einflüsse eine wesentliche Rolle. Diese Einflüsse verwischen / verrauschen die eigentlich zu modellierenden Zusammenhänge. Die resultierende Unsicherheit kann auf unterschiedliche Art und Weise berücksichtigt werden, z.B. durch die Modellierung mit Bayes'schen Wahrscheinlichkeiten. Die Bayes'sche Wahrscheinlichkeitsrechnung stellt einerseits eine konsistente mathematische Grundlage und andererseits eine intuitiv verständliche Beschreibungsmöglichkeit solcher stochastischer Zusammenhänge zur Verfügung. Insbesondere erlaubt sie die Formulierung rein subjektiver Wahrscheinlichkeiten und kann damit durch Experten formuliertes Wissen berücksichtigen.

 

Das Bayes'sche Netz,
eine Methodik unter Unsicherheit Schlüsse zu ziehen,

 

Bei allen kreativen Prozessen spielen unbekannte und zufällige Einflüsse eine wesentliche Rolle. Diese vernebeln die eigentlichen Zusammenhänge. Die daraus folgenden Unsicherheiten können mit  Hilfe der Bayes'sche Wahrscheinlichkeitsrechnung berücksichtigt werden.

 

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Bernhard Nürnbergers
Materialmimen

von Malte Wienebüttel


Die Materialmimen gehören zur Familie der SKARAORGE*, sie sind deren flache Variante. Skaraorge sind überall. Wie die meisten Skaraorge pflanzen sich auch die Materialmimen sexuell fort, aber auch Parthenogenese kommt vor. Für das Zusammenfinden mit einem Partner, vorzugsweise einem Menschen, spielen meist optische Reize aber auch Duftstoffe (Pheromone) die entscheidende Rolle. Man vermutet, dass diese dem Anlocken des Sexualpartners, in den meisten Fällen aber der Abwehr von Feinden dienen. Vor der Paarung findet eine Art Balz statt. Der Tanz von Material und Mensch. Während der Vereinigung bringen sich die Komponenten in die Anordnung, die sie „skaraorgisch“ begehren, Dabei wird der Mensch so gesteuert, dass er der Illusion erliegt der Kreative zu sein. Gelingt der Akt, machen die Komponenten eine vollkommene Verwandlung (Metamorphose) durch. Das entropische Sein des Skaraorgen bzw. Materialmimen wird zum Imago.
Materialmimen sind Schauspieler und stellen Schauspieler dar. Sie remateri-alisieren mit ihren Möglichkeiten einen vergangenen, flüchtigen Moment aus dem Theater, meist einen Handlungshöhepunkt. Die Zuordnung der bisher bekannten Imagines zu bestimmten Schauspielern ist naturgemäß kompliziert. Die Forschung ist noch in den Anfängen. Lediglich die Zuordnung der so genannten Sharakugruppe ist gesichert.**
Die in dieser Ausstellung gezeigten Materialmimen sind nur partiell ausgebildet. Dies ist zusammen mit ihrer flachen Beschaffenheit eine Konzession an die mitunter drangvolle aber gewünschte Enge im Foyer der Vagantenbühne.

Lüneburg, August 2009

* s. Wikipedia ** s. Sharaku
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anlässlich des Kunstpfades Uckermark 1. Mai 2010

Installation "Leichen im Keller"

Ein Gespenst tanzt den Mai

von Malte Wienebüttel

„Die Idee zu meiner Installation verdanke ich Amtsdirektor Detlef Neumann“, sagt der in Wollschow seit gut zehn Jahren ansässige Berliner Künstler Bernhard Nürnberger schmunzelnd. In einem amtlichen Protokoll habe er zu seinem Erstaunen die Feststellung des Amtsdirektor gelesen, der Müllskandal Altdeponie Brüssow existiere allein in seiner – Nürnbergers - Phantasie (und der des Stadtverordneten Siegfried Bahnweg). Auf der Brüssower Deponie waren in den 90er Jahren illegal Klärschlämme verkippt worden; noch ist ungeklärt, ob die Deponie regulär geschlossen wurde oder nicht. Kosten von 50 000 € für die Schließung fallen - als Nachsorgekosten bezeichnet - jetzt im Jahre 2010 für die Gemeinde an. Die Verantwortlichkeit ist der Öffentlichkeit nicht erläutert worden.

Es ist ein Zeichen

„Es kann kein Zufall sein“, sagt Nürnberger begeistert, „dass ich beim Erdaushub für ein Bassin innerhalb der Fundamente der ehemaligen Scheune auf unserem Grundstück eine grausige Entdeckung machte. Es ist ein Zeichen.“ Zwei Leichen im Keller und zahlreiche rätselhafte Dinge, darunter Gebinde mit dubiosem Inhalt, weg-geworfenes Zeugs kamen zum Vorschein, „was eben so auf Deponien landet.“ Die Begeisterung steigerte sich, als der Hobbyarchäologe erleben durfte, dass eine der Leichen auferstand. Nicht „im Fleische“, aber immerhin als Hülle, in grotesker Gebärde über den sortierten Fundstücken schwebend. Alteingesessene Wollschowiter meinen in ihr Kläre Schlamm zu erkennen, die aus Camp-Lindforth (NRW) stammende Nachwendeverlobte des Stadtverordneten Torsten Wolff. Sie sorgen sich nun, dass diese, nun wieder auferstanden, die Bevölkerung gesundheitlich gefährden könnte. „Keine Bange“, so Nürnberger, „das ist ja bloß meine Phantasie!“ Kläre S. sei nach den 14 Jahren ihrer Wanderschaft im Untergrund völlig ausgelaugt. Ihre möglichen Schadstoffwerte würden mit Sicherheit unterhalb der Messgrenzen liegen bzw. die Geringfügigkeits-schwellwerte nicht überschreiten.

Der Künstler hat bereits einen potenziellen Sammler für die Installation im Auge. Den Chef des Windenergieunternehmens ENERTRAG aus Dauertal. Mit einem Ankauf der Installation zum Preis von 50 000 €, die der Künstler an die Gemeinde Brüssow weiterreichen will, wäre allen Seiten gedient. Das Geld, das so in die Gemeindekasse gespült wird, kompensiert die Ausgaben für die Schließung der Deponie im Jahr 2010. Die ENERTRAG kompensiert damit die vertraglich vereinbarten aber ausbleibenden Gewerbesteuern aus dem Windfeld Wolffsmoor. Der Künstler und der Stadtverordnente Bahnweg kompensieren damit ihre Schuld, denn wer die Phantasie hat, muss auch dafür zahlen."*)

Quelle: randowkurier das virtuelle Blatt: Neues aus der Anstalt Brüssow, Internet Ausgabe 1. Mai 2010 http://www.randowkurier.de/

*) keine Phantasie sondern traurige Wirklichkeit ist, dass einige Stadtverordnete von Brüssow glauben oder glauben wollen oder glauben sollen, dass S. Bahnweg den finanziellen Schaden zu Lasten der Gemeindekasse verursacht hat, weil er den Müllskandal aufgedeckt hat. Die Straftaten aus den 90er Jahren sind verjährt. Nicht aber der Anspruch der Gemeinde auf Schadenersatz. Die Stadtver-ordnetenversammlung unternimmt bisher nichts, hier eine Klärung herbeizuführen.


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Primo von Randow ist irritiert

VON MALTE WIENEBÜTTEL

PRENZLAU Begrüßt wird der Besucher der Sakristei im Domini-kanerkloster von einem Gesicht, das ihn verschmitzt, schräg von unten anschaut. Es ist ein fein geäderter, rosafarbener Kalkstein, ein typisches Kopfstück, wie Bernhard Nürnberger seine Skulpturen nennt. Der Bildhauer und Maler lebt und arbeitet seit 11 Jahren mit seiner Frau Karin Christiansen, die zuvor in der ehemaligen Sakristei ihre Holzskulpturen gezeigt hatte, in Wollschow bei Brüssow.

Betritt der Besucher den Raum, so stellt er fest, dass mit ihm schon etliche andere Kunstfreunde anwendend sind. Mehr als 25 Kopfstücke scheinen locker gruppiert auf ein Objektarrangement zu blicken. Ein hohes kubisches Stahlgestänge, in dem oben ein „Gesichter-haltegestrüpp“ schwebt. So nannte es ein etwa elfjähriger Junge. In sich verschlungene, weiß gestrichene Glyzinenstränge, an denen Keramikgesichter befestigt sind. Ich sehe darin „Das Gerücht“, sagte die Mutter des Jungen. Darunter hängt eine bizarr verdrehte, menschliche Figur. Grotesker Keramikkopf, zerschlissener, fleckiger und weit klaffender Synthetikmantel, Hartriegelzweige. Bernhard Nürnberger hat sie aus dem Untergrund seiner Hofstelle in Wollschow ausgegraben, sagt er. „Der Mantel stammt von Edith K., die dort vorher wohnte...“

In der Sakristei scheint der Untergrund ebenfalls geöffnet zu sein. Ein rot-weißes Flatterband hindert den Besucher hineinzufallen. Man blickt in eine tiefe Gruft, darinnen die Spiegelbilder der hängenden Objekte. Tief wie hoch, der gewölbte Raum und die Dinge stehen auf dem Kopf. Was ist Realität? Was ist Vorstellung? Was ist wirklich, was wahr, was Fantasie? Unser Besucher kann in den vielfältigen, mimischen Ausdrücken der Steinköpfe seine eigenen Empfindungen und Fragen gespiegelt sehen. Oder er lässt sich vom Reiz und von der Schönheit des Gesteins bezaubern, in die die Physiognomien eingemeißelt sind. Dass die Objektinstallation mit dem Namen FIRLEFANZ hier im Kloster allein seiner Fantasie entsprungen ist, bestreitet der Künstler schmunzelnd. „Das ist eine unbewiesene Unterstellung. Jeder, der hier reinkommt, ist daran beteiligt. Alles fließt, im Untergrund und in den Köpfen.“ Zu hoffen ist, dass der Besucher den Kopf oben, heiter und heil den Ort verlässt.

10/2010