Der Traum produziert der Vernunft ihre Monster

Genie und Wahnwitz bei Caspar David Friedrich

 

Der Besucher der Berliner Ausstellung "Melancholie“ reibt sich verdutzt die Augen, wenn er vor dem Gemälde Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ steht. Ein Irrtum der Aussteller? Ein Ulk? Streikt die eigene Erinnerung an das oft gesehene Bild? Sind es die Augen?
Eine Zeile ganz unter auf dem Schild zum Bild verheißt Aufklärung und steigert die Verwirrung: „restaurated by Tülay Ö."

Des Rätsels Lösung ist so einfach, wie die Folgen für die Rezeption des OEuvres von CDF kompliziert und folgenreich sind. Das ganze schöne Ideengebäude, das wir von der Romantik aufgerichtet haben, in dem die Wiege stand, die uns Deutsche in unser nationales Bewusstsein hineingeschaukelte, muss – sozusagen - neu angestrichen werden.
Tülay Ö. eine tüchtige muslimische Putzfrau in der Gemäldesammlung in Berlin meinte ihrem Lieblingsbild „Imam am Schwarzen Meer“ etwas Gutes anzutun und putzte es mit einem etwas schärferen Mittel, als die Denkmalspflege erlaubt. Sie ahnte nicht, dass sie mit ihrem Tun das Ansehen ihrer Zunft wieder herstellte, ramponiert seit der unseligen Reinigungsattacke einer christlichen Berufskollegin auf die Kinderbade-wanne des großen Schamanen Beuys. Während jene ein Kunstwerk in die Welt des Trivialen zurück beförderte, stieß diese die Mutter aller Fragen auf das Podium der deutschen Hochkultur:


Deutschland, wer bist Du? Und wie wurdest Du eigentlich?

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Doch eins nach dem anderen.

Jetzt erst offenbart sich die ganze visionäre Wucht dieses Meisterwerks der Malerei der Romantik. Die neue Deutung liegt auf der Hand: Die sinnende Gestalt des Mönches vor dem durch einen Ölteppich vernichteten Meeresbiotop, eingehüllt in eine von Feinstaub schwangere Atmosphäre, eine Vogelgrippevirusinfizierte Lachmöwe stürzt, links im Bild neben der gekrümmten Gestalt des Mönchs, diesen knapp verfehlend, auf den Strand. In diese Szenerie äolischer Katatonie ragt ein Prospekt gespenstisch stillstehender Off-shore-Windmonster - ein Menetekel für jeden Windfondsanleger in der deutschen Zukunft. Es ist bekannt, dass CDF zwei ursprünglich auf dem Meer tanzende Segelboote übermalte, um alles Genrehafte zu vermeiden. Nun strebt rechts der Regenbogen empor - nach kurzem Lauf ist sein Glanz erstickt - , in kompositorischer Gegenläufigkeit zum Möwensturz und als ironisches Symbol der zum Scheitern verurteilten Vision der Rettung der Schöpfung durch Windkraft....

Die philosophischen, wirtschaftstheoretischen und kunsthistorischen Fragen, die sich nun stellen, sind weitreichend und können hier nur skizziert werden. Neben Goya ist CDF wohl der große Geist, der im Erstehen des neuen Zeitalters bereits ihr notwendiges Scheitern begründet sieht. Goya kennt die Schatten des Lichtes der Aufklärung:

El sueno de la razon produce monstruos.

Der Traum produziert der Vernunft ihre Monster.

CDF wirft den Bildbetrachter auf sich selbst zurück: Er muss gemeinsam mit dem Mönch auf`s Meer blicken und auf die Monster, die die Erde zu retten indem sie sie zerstören. Unser Meister der Romantik wusste allerdings nichts von der Erneuerbarkeit der Energien der Windmonster durch Subventionsdoping, Lügenpropaganda, Korruption, Bauernfängerei und dem Versagen der demokratischen Gremien. Er hatte seine „höheren Ahndungen des Glaubens“, wie er es nannte. Waren es die Lobbyisten der Frühzeit der industriellen Revolution Deutschlands, die dafür sorgten, dass die weitsichtige Vision des Meisters so bald unter einer Ruß- und Staubpatina aus deutschen Schloten verschwand, dass nicht einmal das notorisch myope deutsche Biedermeierbürgertum dieselbe auch nur erahnen durfte. War es schlicht die Armut des Malers, der sich keine Putzfrau leisten konnte?

Wie dem auch sei, es blieb die mahnende Botschaft des Meisters verdeckt. Die Reinigung durch Tülay Ö. kam 10 / 20 Jahre zu spät. Auch das eine Folge verfehlter Integrationspolitik.

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Angeregt durch die „Putzaktion am Imam“ (oder sollte man besser „Putzaktion am Meer“ sagen?) wurde CDFs gleichzeitig entstandenes Gemälde „Abtei im Eichwald“ von 1809/10 radiologisch untersucht. Das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen und bestätigt die Notwendigkeit, die deutsche Romantik und ihre Folgen in neuem Licht zu sehen.

Hier hat der Künstler offensichtlich mit sich gerungen und seiner visionären Gabe, seinen „höheren Ahndungen“ nicht getraut. Die verworfene Vorzeichnung deutet ein Bauwerk an, das von Ruinen romanischer Kuppelbaukunst angeregt, dem Maler doch zu phantastisch erschienen sein musste. Ein mecklenburgischer CDF ist eben kein Hieronymus Bosch. Bei der Form der Windmonster im „Mönch am Meer“ konnte er bei den landläufigen - niederländisch inspirierten - Windmühlen seiner Zeit anknüpfen, hier jedoch schreckte er zurück. Wir Heutigen wissen es besser. Diese Energietechnologie, bringt unseren Kindern eine strahlende Zukunft. Oder war es das, wovor der Maler zurückschreckte?

Was bedeutet der radiologische Befund?

Aus den Wurzeln des Eichwaldes und aus den mittelalterlichen Ruinen erwächst nach herkömmlicher Lesart die deutsche Nation, den Entlaubungsaktionen während der napoleonischen Besatzungszeit zum Trotz. In der abgedunkelten Erdenzone des Bildes bewegt sich ein Zug geduckter, vermummter (sic!) Gestalten, der Anfang des romantischen Marsches durch die „Institution Deutscher Wald“ . Sie beschreiten den Weg, der mit der "Öko-Bewegung" um die 2. Jahrtausendwende zum breiten Erlösungspfad wurde, während dessen sich das düstere Ambiente in den heiter-heiligen Hain der Nation verwandelte, trotz und wegen des Waldssterbens. Der Wald wurde uns so zum Weiheraum, in dem wir das Ritual der grünen Rück-Bindung (i.e. religio) vollziehen. Mit der Folge übrigens, dass Deutschland heute die energetischen Reserven des kranken deutschen Waldes verkennt und bei der industriellen Verwertung der Biomasse Holz und der Entwicklung einer heimischen Pellets-Industrie hoffnungslos im Rückstand ist. Tempel verbrennt man nicht.

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Doch fort aus den banalen Gefilden des Heizens und Verheizens, der Beleuchtung, der kriminellen und der erneuerbaren Energien. Und fort von den religiösen Verirrungen. Fort aus den Natur! Zurück zur Kunst! Zurück zur Malerei!

Die wirkliche Sensation nämlich ist sui generis eine der Kunst.
Es sind die übermalten Frauengestalten links oben im Himmel über dem Eichwald, die wirkungsmächtig den Kunstliebhaber überwältigen.
CDF, der Kleinfigurige, der Melancholische, ein Hedonist! Potzblitz und Heidewitzka! Mit genialem, an Raffael geschultem Strich, wirft er groß und frei die Umrisse weiblicher Schönheit aufs Tableau.... und – ach - verwirft das Sujet.
Warum versteckt er die eleusischen Landschaften weiblicher Nacktheit unter flachen Seestücken mit gekrümmten Zwergen, aufgetürmten Eisschollen und vernebelten Gebirgsformationen? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht hatten wir schon immer „radiologische Ahndungen“, wenn wir vor einem „Caspar David Friedrich“ standen und uns ein wahnwitzig erregend erotischer Schauer den Rücken kützelte.

März 2006