AKTENEINSICHT

oder

Der Rechtspleger als Raumpfleger

Realsatire aus dem Landesumweltamt Frankfurt(0der)am 30. Mai. 2006

(bnü) Das Schild am Raum 017 hätte mich stutzig machen sollen, aber wie immer hatte ich nicht richtig hingeschaut. Ich klopfe an und trete ein. Ein Woge negative Energien schlägt mir entgegen. Ich schiebe mich durch den stickigen Dunst der Ablehnung und setze mich auf einen Stuhl. Auf dem Tisch liegen drei Aktenordner offensichtlich zu meiner Einsicht bereit. Ich frage die beiden Anwesenden, eine Dame und einen Herrn in unauffälliger Alltagskleidung nach ihren Namen. Herr Schinder, Mitarbeiter der Behörde und Frau Niedersinn. Auf Nachfrage gibt sie preis, sie sei Mitarbeiterin der ENERTRAG, offizielle Mitarbeiterin (OM) der Firma. Jetzt ist mir alles klar. Die Namen, die Atmosphäre!

Die Akten zum Genehmigungsverfahren Windfeld Wolfsmoor, die NICHT auf dem Tisch liegen, unterlägen der Geheimhaltung, offenbart mir Herr Schinder. Eingeschüchtert und etwas ziellos blättere ich in den Ordnern herum. Ich frage Herrn Schinder nach den Schallpronosen, er notiert das Stichwort auf einem Blatt, das vor ihm liegt. Ich frage Frau Niedersinn, ob der WEA-Maschinentyp GE 2,3 aktuell sei. Sie bejaht. Ich gebe zu, das war eine hinterhältige Testfrage, wusste ich doch aus der Stadtverordneten-versammlung in Brüssow am Vortag, dass die ENERTRAG einen Änderungsantrag zum Maschinentyps gestellt hatte. Die plumpe Lüge überrascht mich nicht, Herrn Schinder stört sie nicht, ein Gastgeber der Lüge.

Ich verlasse den Raum, um ungestört meinen Rechtsbeistand Herrn Dr. Otto anzurufen. Wo bleib er nur? Auf dem Flur fällt ein Glas aus meiner Brille. Zum Glück zerspringt es nicht. Eine Schraube hat sich gelockert. Das haben die bösen Energien im Raum 017 getan! Ein Anschlag auf meine Seh- und Akteneinsichtsfähigkeit. Die freundliche Pförtnerin hilft mir den Schaden zu beheben.

Auftritt Anwalt Dr. Christian W. Otto:

Nach der Klärung "who is who" und der eindringlichen Nachfrage, ob das alle Akten seien, worauf Herr Schinder beharrt, verwandelt sich der Rechtanwalt spontan in der Rechtspfleger. Er lässt sich die Personal--ausweise vorlegen und notiert die Daten. Er weist Herrn Schinder auf die strafwürdige Pflichtverletzung hin, wenn er Akten zurückhält, die nicht der Geheimhaltung unterliegen. Herr Schinder ab zu seinem Chef, Herrn Wolter. Frau Niedersinn ebenfalls ab auf den Flur. Der Rechtspfleger als Raumpfleger. Frau Niedersinn schleicht - möglicherweise niedergedrückten Sinns - davon. Ihre Erscheinung macht mir klar: Allein Arbeit zu haben macht nicht glücklich. Sie muss auch ehrlich sein.

Der Raum ist frei. Sofort strömen positiven Energien (bei geschlossenem Fenster!) herein, die Atmophäre ist gereinigt, die kollusive Stimmung weg geputzt, wie es für ein Landesumwelt angemessen ist, das diesen Namen verdient. Bedauerlich, denke ich, dass ein Landesumweltamt hier zwar die Sauberkeit der Um-Welt im Blick hatte, nicht aber die Reinlichkeit von Rechts wegen im Hause selbst.

Auftritt Herr Wolter:

Schnell ist die Situation geklärt. Man einigt sich darauf, dass das gewährt wird, was gewährt werden muss. Herr Wolter zieht sich mit mit Herrn Schinder zurück. Lang, lang brauchen sie. Da ist wohl großer Klärungs-bedarf. Das gibt aber Zeit für einem Plausch mit dem Verwandlungs-künstler. Er ist stolz auf die Nummer mit den Personalausweisen. Das zieht immer. Hat er aus Fernsehkrimis, und neulich gab´s das auch bei "Ditsche". Ich bin beeindruckt. Gut so. Doch eigentlich schade, dass sie so durchschlagend gewirkt hat: So ist uns die Batman-Verwandlungs-Nummer vorenthalten beblieben.

Der Rechtspfleger aus Raumpfleger

(Aktenschilder und Notizzettel Herrn Schinders sind aus Gründen des Datenschutzes und des Persönlichenkeitsschutzes phototechnisch unerkennbar gemacht. )

Auftritt: alle Unterlagen

Die Arbeit kann beginnen.